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Berlin, den 3.7.2022 

Liebe Leser*innen!

 "Es ist GRÜHÜÜN!“, ruft ein Mann hinter mir an der Ampel. Es folgt aufgeregtes Geklingel. „Leute, bitte LOSFAHREN!!“ Die Fahrradkuriere in der vordersten Reihe an der großen Berliner Kreuzung haben den Ampelswitch auf Grün ungefähr eine Sekunde verschlafen, was im Radfahrerstau hinter ihnen natürlich direkt für große Empörung sorgt. Als sich der Tross dann in Bewegung setzt, radelt der Oberempörte im Eiltempo an uns anderen lahmen Enten vorbei, in seinem Rennradoutfit hebt er sich aus dem Sattel, dann ist er schon davongezischt und aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich rege mich trotzdem noch eine Weile auf. Warum muss immer dieser völlig unnötige  Verkehrsstress auf dem Fahrradweg sein, nur um zwei Sekunden eher am Ziel anzukommen – und warum sind es zu 99 Prozent Männer, die diesen Stress verursachen?!

 Im Ernst: In der Großstadt mit dem Rad unterwegs zu sein, ist bisweilen eine nervenaufreibende Sache. Auf den Radwegen wird gedrängelt, links und rechts überholt, abgedrängt, eiskalt über Rot gefahren, selbst an den größten und gefährlichsten Kreuzungen, außerdem muss man achtgeben, nicht von den Lastenrädern umgerissen zu werden. Und meiner persönlichen Erfahrung nach sind es nun mal wirklich meistens Männer in wahlweise Jan-Ullrich-Gedächtnisaufmachung (btw: über ihn gibt’s grad übrigens eine ganz interessante Doku in der ARD Mediathek) oder in Skinny Jeans plus Fixie-Kombi, die es offenbar sehr, sehr, sehr eilig haben im Leben. Es ist ja nicht so, als ob ich mich nicht schon selbst über lahmdudelige Radler*innen geärgert hätte. Dennoch frage ich mich: Muss die eigene Vorstellung von Geschwindigkeit echt allen anderen Verkehrsteilnehmer*innen aufgezwungen werden? Wie kommt man überhaupt auf die Idee, sich herauszunehmen, andere Menschen in ihrem Alltag unnötig in Hektik, Aufruhr und ja, bisweilen Panik zu versetzen?! Zumindest bin ich schon mehrfach fast vom Fahrrad gefallen vor Schreck, wenn mal wieder ein Terrorklingler an mir vorbeiraste. Entschuldigung, aber dieses Verhalten stellt doch eine absolute Dreistigkeit dar, die mich auf mehreren Ebenen aufregt. Erstens sind die Überholmanöver oft schlicht gefährlich. Und zweitens drückt sich in der Drängelei so ein klischeehaft männliches Ignoranzverhalten aus, dass ich eigentlich nicht fassen kann, wie man selbst nicht bemerken kann, dass man sich gerade aufführt wie der Hallodri in einer 50er-Jahre-Heinz Erhardt-Komödie: Platz da, hier komme ich, ein Mann, ich hab’s sehr eilig, bin sehr wichtig und darauf müssen alle anderen Rücksicht nehmen! Mir ist natürlich bewusst, dass jemand wie ich, der mit einem 35 Jahre alten Kettler-Rad rumgurkt, von der Fahrradraser-Community eh nicht ernst genommen wird. Und ich weiß auch, dass es wahrscheinlich leider nullkommanichts bringt, im Fahrradkrieg empört zurückzuklingen und wie eine wütende Alman-Anette meinen Fahrradhelm-Kopf zu schütteln. Daher habe ich zu dem Thema meinen Freund befragt, selbst ambitionierter Rennradfahrer mit Fast&Furious-Mentalität, bis sein Heiligtum aus dem Keller geklaut wurde. Es stellte sich heraus: Die rücksichtslosen Fahrradraser nerven ihn im Alltag genauso wie mich!! Zitat: „Vor allem, wenn sie sich an der Ampel noch unbedingt nach vorne schlängeln müssen, damit auch alle verstehen, dass sie die Schnellsten sind.“ Was man dagegen unternehmen könnte, wusste er aber auch nicht. Ich kann also an dieser Stelle nur dazu anregen, sich immer mal wieder zu fragen, ob man Zeit, Raum und Nerven anderer Menschen nach dem Prinzip des „Stärkeren“ einfach so für sich beschlagnahmen kann. Ich finde: nein!! Und das gilt übrigens nicht nur auf dem Fahrradweg.

Lasst mich gern wissen, was Ihr zu dem Thema denkt – gern als Antwort-Mail auf diesen Newsletter oder auf Instagram!Fotocredit Headerbild: Robert Bye on Unsplash

Tatjana Maria ist in der Tennisweltrangliste nur auf Platz 103 gelistet, sie ist 34 Jahre alt und Mutter zweier Kinder – und feiert in Wimbledon gerade den größten Erfolg ihrer Karriere. Im Achtelfinale bezwang sie die Lettin Jelena Ostapenko, die genau zehn Jahre jünger ist und schon mal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. Nun steht Tatjana also in der Runde der letzten Acht, was in Wimbledon mit einer besonderen Ehre einhergeht: Sie erhält ein lebenslanges Zuschauerticket für das wohl prestigeträchtigste Tennisturnier der Welt. Ich freue mich sehr für sie und bin gespannt, wie weit sie es noch schafft beim Turnier. Vor allem ist ihr spätes Karriere-High aber ein so schönes Zeichen an andere Spielerinnen, dass der Wunsch, eine Familie zu gründen, nicht das Ende der Karriere bedeuten muss – Tatjana Maria setzt sich in diesem Zusammenhang auch abseits des Courts dafür ein, dass sich die Spielbedingungen für Mütter verbessern, dass es zum Beispiel auch bei kleineren Turnieren eine Kinderbetreuung gibt. All diese Themen spielen bei den männlichen Kollegen natürlich nur eine untergeordnete Rolle – insofern umso wichtiger, dass durch den Viertelfinaleinzug ein Licht darauf geworfen wird! Foto: Instagram @tatjanamaria87

Es ist im Internet gerade wieder sehr aufregend für Millennials und ihre 15-jährigen Ichs. Zum 20-jährigen Jubiläums ihres Hitalbums „Let go“, das sie remastered und ergänzt jüngst neu veröffentlicht hat, stellte die ewige Poppunk-Prinzessin Avril Lavigne in New York die Pose des Albumcovers aus dem Jahr 2002 nach: verschränkte Arme, Baggypants, wütender Blick. Auf Instagram gab’s dafür über 1,4 Millionen Herzchen. Und auch Lindsay Lohan, einstiger Disney-Teenie-Star mit anschließender „Skandalnudel“-Karriere, konnte es sich nicht nehmen lassen, online auf längst vergangene Zeiten zu rekurrieren. In einem Werbevideo für die nachhaltige Laufschuhmarke Allbirds spielt sie auf ihren Film „Mean Girls“ an, der zwar schon 2004 erschien, im Social-Media-Zeitalter aber zu unerwarteter Meme-Blüte kam; und so entscheidet sich Lohan im Video für pinkfarbene Runningsneakers mit der Bemerkung: „Well, it is wednesday“ – eine Referenz an die Stylingregel der Filmclique aus „Mean Girls“: „On wednesdays, we wear pink“. Ein Spruch, der im Millennial Age of Internet ähnlich universell verstanden wird wie „Ich bin der König der Welt.“ Und damit sind wir beim Thema: Wie viele Revival-Schleifen wollen wir mit der Nullerjahre-Popkultur eigentlich noch drehen?! Ja, Lindsay Lohans Video ist in einer Selbstironie charmant, und Avril Lavigne freut sich natürlich zurecht, dass die Songs, die sie einst als 16-Jährige schrieb, immer noch Menschen berühren. Und dennoch habe ich langsam den Eindruck, wir kommen mit dem wieder und wieder Aufwärmen von ein paar wenigen popkulturellen Bezugspunkten langsam an die Grenzen des kollektiven Sich-erinnern-wollens – weil man all die „Wisst ihr noch, krass, wie lange das her ist“-Momente einfach einmal zu erlebt hat. Lindsay Lohan wagt nach diversen Lebenskrisen ein Comeback als Runninginfluencerin? Das ist so sehr Millennial-Klischee, dass der Witz des Videos fast ein wenig ins Schale kippt. Das Gefühl, das bleibt, ist dann: Hilfe – so alt sind wir schon?! Für mich besteht das Problem vor allem darin, dass die ewig Wiederholung Raum und Energie für Neues raubt. Und ganz im Ernst, um bis in alle Ewigkeiten die Musik zu hören und die Filme zu gucken, die ich mit 14 Jahren gut fand – dafür fühle ich mich dann doch entschieden zu jung!

"Always avoid the Plastics": Millennials werden verstehen, warum diese "Mean Girls"-Anspielung ein so guter Werbespruch für die Sportmarke Allbirds ist, die mit Wolle und Eukalyptusfasern statt Plastik arbeitet 

In dieser Kolumne geht's ausnahmsweise mal um ein Objekt, das ich aufrichtig bewundern kann, ohne es augenblicklich an mir selbst tragen zu wollen. Den Ring oben hat die Schmuckunternehmerin Guya Merkle von Vieri gemeinsam mit Menschrechtsaktivistin Duzen Tekkal entworfen – Ende des Jahres wird der Ring versteigert, der Erlös kommt Duzens Nichtregierungsorganisation HÁWAR.help zugute. Wenn die Versteigerung aktuell wird, werde ich Euch noch mal darauf aufmerksam machen; bis dahin könnt Ihr hier das Videointerview sehen, das Guya und Duzen in der "Vieri Cucina" geführt haben. Es geht um Engagement, den manchmal so merkwürdigen europäischen Blick auf Weltprobleme, gutes Essen (Guya ist eine begnadete Köchin und lädt regelmäßig zu einem fantastischen Salon ein!) – und natürlich um Schmuck und die Bedeutung von Schönheit im Leben. 

Und sonst noch?Perlenketten für Männer - hot or not? Schöne Stilbeobachtung von Maria Wiesner auf faz.netWas 30-Jährige jetzt für ihre Rente tun sollten und können: sehr gute Anleitung ohne Panikmache auf sueddeutsche.de15-Jährige, die Unternehmen gründen: Für Emotion.de habe ich aufgeschrieben, wieso mich Gen-Z-Entrepreneurs am Arbeitsleben verzweifeln lassen 

Das war's für heute von mir. Bald kommt der nächste Brief. Wenn Ihr vorher schon mit mir in Kontakt treten wollt, findet Ihr mich (viel zu oft) auf Instagram @juliahackober.Macht es gut! Eure Julia 

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