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Liebe Leser:innen!
Herzlich willkommen bei Sunday Delight! Ich bin Julia Hackober, Kulturjournalistin aus Berlin, und in diesem Newsletter schreibe ich sehr persönlich über Themen aus Gesellschaft und Popkultur.

Heute geht es hier um:
Kolumne: Franca Lehfeldt hat ein Buch über Mütter geschrieben - und ich musste meine Vorab-Meinung revidieren
plus: Warum fällt es so schwer, Taylor Swift ein Genie zu nennen?

Viel Spaß beim Lesen und einen schönen Sonntag,
Eure Julia

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Reality-Check einer “Powerfrau”

Franca Lehfeldts Mütter-Buch könnte für eine ganz bestimmte Zielgruppe dringend benötigte Lektüre sein

Bild Hintergrund: “Maria lactans”, Werkstatt Lucas Cranach d. Ä. (*1472 Kronach, Deutschland; + 1553 Weimar, Deutschland), nach 1537; Cover Buch: Franca Lehfeldt, “Gute Mütter, schlechte Mütter: Eine Streitschrift gegen alte Rollenmuster und übergriffige Erwartungen”, erschienen bei Piper

Franca Lehfeldt hat ein Buch über Mütter geschrieben, und ich muss zugeben, dass ich vor der Lektüre sehr viel voreingenommener war, als es sich für eine Journalistin gehört. Mir den Ansichten der Autorin zur „Leistungsgesellschaft“ kann ich nur bedingt etwas anfangen, mit der Verherrlichung „Alter, weiser Männer“ noch weniger (so der Titel eines Interviewbands, verfasst gemeinsam mit Nena Brockhaus).

Von „Gute Mütter, schlechte Mütter“ erwartete ich also eine neoliberale „You can have it all“-Abhandlung. Ihr wisst schon: Man muss die Vereinbarkeit von Kind und Karriere nur genug wollen, alles eine Frage der Organisation, guckt mal, mir gelingt es doch auch, easy-peasy.

Womit ich nicht gerechnet hätte: Dass sich dieses Buch eben nicht wie eine auf „diskussionsfreudig“ (aka. maximal Social-Media-triggernd) getrimmte „Streitschrift“ lesen würde, wie es das Cover verspricht – sondern vielmehr wie der ausführlich niedergeschriebene Reality-Check, den so viele Frauen erleben, mich selbst eingeschlossen, wenn das erste Kind kommt. Irgendwie ist das alles sehr viel schöner, aber auch anstrengender als gedacht. Und warum wird man für jede einzelne Entscheidung so hart gejudged?!

Das fängt beim leidigen Glaubenskampf ums Stillen an und endet natürlich längst nicht bei der Festlegung des Kita-Starts. Manchmal fühlt es sich eher so an, und so scheint es auch Franca Lehfeldt zu gehen, als sei man den widersprüchlichen Idealen, die das Mütterleben in Deutschland prägen, sehr viel ausgelieferter, als man sich das jemals hätte vorstellen könne: Man soll möglichst schnell wieder arbeiten, gleichzeitig dem Nachwuchs eine 90er-Jahre-Conny-Kindheit organisieren, aufopferungsvolle Supermom und toughe Karrierefrau zugleich sein – Maria lactans am Laptop.

Was Franca Lehfeldt, genau wie viele, viele Mütter vor ihr, mit der Geburt des ersten Kindes feststellt: Es ist eben nicht nur Privatsache, wie es mit dem persönlichen und beruflichen Leben einer Frau weitergeht, wenn sie Mutter wird. Es geht nicht nur ums Wollen oder Nicht-Wollen, ums Organisieren, um Partner, die hoffentlich mitziehen. „Gleichberechtigung wird zunehmend zur Klassenfrage“, schreibt Lehfeldt in ihrem Buch mit Blick auf die eigenen Privilegien, die etwa eine privat Baby-Betreuung beinhalten. Und macht damit deutlich, wie die Wahlfreiheit, das persönliche und berufliche Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten, auch im Jahr 2026 immer noch viel zu oft an politischen Rahmenbedingungen zerschellt: Man denke nur an realitätsferne und wenig flexible Elternzeitregelungen, den Kampf um Kitaplätze oder den fehlenden Mutterschutz für Selbstständige.

Nun werden Frauen, die schon viel länger Mütter sind als Franca Lehfeldt und ich, sicherlich denken: Na, das ist doch alles lang bekannt, wie oft sollen wir solche Beschwerdebriefe noch lesen, bevor sich mal was ändert!

Dazu kann ich nur sagen: Die größte Schwäche des Buchs ist zugleich seine größte Stärke. Beim Lesen hatte ich häufig den Eindruck, dass das Buch nicht für mich als etwa gleichaltrige Frau geschrieben ist (manchmal war ich sogar ein bisschen beleidigt, zum Beispiel, als Lehfeldt behauptet, sie habe sämtliche Baby-Utensilien innerhalb eines halben Tages im achten Schwangerschaftsmonat besorgt – da kam ich mir vor wie das reinste Instagram-Mombubble-Opfer, das selbst den Hochstuhl erst nach Stiftung Warentest-Check bestellt hat!)

Nein: Das Buch scheint sich eher an eine Leserschaft zu richten, der man noch erklären muss, dass familienpolitische Debatten kein „nice to have“ sind – sondern drängende wirtschaftspolitische Fragen beantworten müssen, wie Lehfeldt schreibt. Eine Leserschaft, die man da abholen muss, wo sie es sich gemütlich gemacht hat: in der Ansicht, Frauen, Mütter, sollten sich mal nicht so viel beschweren, also, ganz generell jetzt, es gibt wichtigere Probleme, was ist überhaupt mit dem Tankrabatt?! Leute also, die dich vier Wochen nach der Geburt fragen, ob du jetzt mal wieder was arbeitest – und dir wenig später auseinandersetzen, dass „Fremdbetreuung“ eigentlich erst ab vier Jahren gesund sein kann.

Wenn es also darum geht, diesem Publikum zu verklickern, dass selbst eine nach eigener Darstellung fast klischeehaft ambitionierte „Powerfrau“, die tagsüber mit dem Ehemann „Businesstermin-Mikkado“ spielt und nachts die Selbstständigkeit am Laufen hält, dass selbst diese Frau an den gesellschaftspolitischen Realitäten in Deutschland bisweilen verzweifelt: Dann ist Franca Lehfeldt für diese Mission vielleicht genau die richtige Autorin.

Delightful 🔥

Was mir diesen Monat Freude macht
(Achtung, heute shameless self promotion!)

Immer, wenn ich schon nicht mehr an “female empowerment” glauben will, passiert etwas, das mir den Glauben daran doch zurück gibt: Im September sind wir mit der Fine Writers Society nach Bad Tölz gereist, zehn Journalistinnen haben sich drei Tage lang zu beruflichen und privaten (hängt ja alles immer zusammen) Perspektiven ausgetauscht. Ohne Vorbehalte, geschönte Realitäten oder Missgunst, dafür mit ganz viel Ehrlichkeit. Ich bin voller Energie und neu entdecktem Spaß an meinem Beruf zurückgekehrt. Danke an alle, die dabei waren! Mehr zum Netzwerk, das ich gemeinsam mit meiner Kollegin Kira Brück gegründet habe, erfahrt Ihr hier.

Swift-Fatigue? Taylor hat neue Musik rausgebracht, und ja, vielleicht nervt es langsam ein wenig, wie oft sie die Liebe zu Travis Kelce besingt. Aber: Es gibt meiner Meinung nach einen Unterschied zwischen Musik-Kritik und einer seltsamen Lust daran, Swifts Gesamtwerk kleinzuschreiben. Warum es eine Unverschämtheit ist, dass sie immer nur als fleißig, nie als Genie beschrieben wird, habe ich für den “Stern” aufgeschrieben.

Die Siesta ist endlich business-kompatibel! Auch in “Highperformer”-Kreisen hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass sich das Hirn zwischendurch mal erholen muss, wenn man sinnvolle Entscheidungen treffen will. Heißt jetzt natürlich nicht mehr “Mittagsschlaf”, sondern “Sleepmaxxing” – mehr dazu in meiner aktuellen Kolumne fürs “manager magazin”.

💌 Ich hoffe, Dir hat diese Ausgabe Spaß gemacht! Falls ja: Dann leite diese Mail doch unkompliziert an alle Freunde weiter, die sich auch dafür interessieren könnten – sharing is caring 🙂

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Bis nächsten Monat! Deine