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“Man tut den Frauen ja auch keinen Gefallen” als Foto

Und weitere Aufreger der Woche

Herzlich willkommen bei Sunday Delight!
Ich bin Julia Hackober, Kultur-und Stilkritikerin aus Berlin, und in diesem Newsletter kommentiere ich jeden Sonntag aktuelle Hypes und Aufreger aus Popkultur, Gesellschaft und Lifestyle. Heute geht es hier um folgende Themen:

  • “Man tut den Frauen ja auch keinen Gefallen” als Foto und die Frage: Ist dieser Newsletter nur für ein “linkes” Publikum gedacht???

  • enjoy & judge: Meldung von Thilo Mischke; die perfiden Mechanismen der Fashion-Week-Hierarchien; Abschied von “Gossip Girl” Michelle Trachtenberg; und ein Podcast für alle, die gerade eine Hochzeit planen

Viel Spaß beim Lesen!  

Kürzlich wurde ich gefragt, ob man Newsletter nur für ein linkes Publikum gedacht sei, weil es bei mir ja auch um “progressive” Themen gehe.

An diese Unterhaltung musste ich diese Woche wieder denken, als das in unzähligen Memes veralberte Foto der neuen Union-Spitze veröffentlicht wurde. Sechs Männer am Konferenztisch, die sich jetzt mal um die Zukunft des Landes kümmern, Homies regeln! Dabei hatte Friedrich Merz doch kürzlich erst im Podcast von Tijen Onaran erzählt, man brauche dringend mehr Frauen in Schlüsselrollen: “Ich weiß es aus meiner eigenen beruflichen und politischen Erfahrung, gemischte Teams arbeiten besser, ich möchte nicht nur unter Männern sein, egal wo, ich möchte gute Teams und die gibt es nur mit Frauen.” 

Schon klar, es war EIN Foto, es war die ERSTE Woche nach der Bundestagswahl, es kann noch viel passieren, warten wir mal die Regierungsbildung und die Vergabe der Ministerien ab, die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ja, es gibt aktuell drängendere (außen)politische Themen als perfekt ausgeklügelte Geschlechterverhältnisse in Social-Media-Posts.

Dennoch hat mich das Foto die ganze Woche über beschäftigt.

Erstens glaube ich nicht daran, dass ein solches Foto unabsichtlich gepostet wird. Message und Zielpublikum dürften also klar sein.

Zweitens illustriert das Foto auf ernüchternde Weise ein riesiges Problem in der deutschen Politik und ja, bei der Union im Speziellen und das trotz Frauenquote (!!!): Nach wie vor gibt es zu wenige Frauen in der Politik, im neu gewählten Bundestag ist der Frauenanteil auf nur knapp 33 Prozent abgesunken, in der Unionsfraktion liegt der Anteil nur bei 23 Prozent. Das liegt sogar noch unter dem bundesweiten Mitgliederanteil (CDU 26 Prozent, CSU 21 Prozent, Stand: 2021).

Drittens stimmt mich es mich sehr nachdenklich, wie, sorry to say, vor allem Männer auf Kritik an diesem Foto reagieren. Ein paar Beispiele, die sich allein unter zwei Linkedin-Posts von mir zu diesem Thema gesammelt haben (zum Teil paraphrasiert):

“Es hält ja niemand Frauen davon ab, sich in einer Partei zu engagieren.”

 “Nicht immer nur heulen, selber machen.”

“Es sollte in der Politik nach Kompetenz gehen, nicht nach Quote.”

“Memes und Empörung sind überflüssig, wir sollten jetzt konstruktiv sein”.

“Ihr engagiert euch nicht, weil ihr Angst habt, eure Opfernarrative aufzugeben.”

 “Es gibt wichtigere Probleme in unserem Land als Feminismus.”

 “So albern wie die Protestmärsche zum Putzfrauen-verdienen-weniger-als-Ingenieure-Tag.” (gemeint ist der Equal Pay Day)

 “Es gibt ja eine Frau, die Kanzlerin werden könnte, die passt euch nur nicht.”

Also wirklich. Allein die Feststellung ist also ein Problem, dass es eventuell ein wenig uncool ist, wenn im Bundestag die Hälfte der Bevölkerung mit noch nicht einmal einem Drittel der Abgeordneten vertreten ist. Und dass es zumindest cringe, wenn nicht fragwürdig ist, an Tag zwei nach der Bundestagswahl ein Foto aus dem wortwörtlichen Hinterzimmer der Dude-Club-Mentalität zu posten. Leute, es ist um um die Fragilität deutscher Männlichkeit wohl noch brüchiger bestellt als gedacht! Und hier reden wir nur von binärer Geschlechtergerechtigkeit, also wirklich dem grundsätzlichsten Basic-Must-Have in Sachen Diversität und Repräsentation.

Zurück zur Frage, ob dieser Newsletter “nur für ein linkes Publikum” geschrieben wird. Nein, natürlich nicht! Ich bin Kultur- und Stilkritikerin von Beruf, ich beschäftige mich tagein, tagaus mit Trends, es ist meine Arbeit, mir genau anzuschauen, wie sich der Zeitgeist verändert. Und wenn ich feststelle, dass der Trend offensichtlich zurück zu einer längst überholt geglaubten Bro-Culture geht, dann werde ich das hier auch weiterhin auf Julia-Art thematisieren.

Im Übrigen habe in 15 Jahren im Journalismus noch nie so viel konstruktiven, wertschätzenden Austausch mit Leser:innen gepflegt wie durch die Arbeit an diesem Newsletter. Ich weiß also, dass Ihr oft NICHT meiner Meinung seid, und zwar unabhängig davon, ob es um einen Modetrend oder gesellschaftspolitische Themen geht. Aber genau das ist das Schöne an SUNDAY DELIGHT: dass wir uns wertschätzend und auf Augenhöhe austauschen. Aus diesem Grund nehme ich mir Kritik an einzelnen Texten oder Positionen auch sehr viel mehr zu Herzen als misogyne Sturheits-Kommis in den sozialen Netzwerken.

In diesem Sinne: stay tuned! Und schreibt mir immer, wenn Euch was auf der Seele brennt, entweder als Antwortmail auf diesen Newsletter, bei Linkedin oder bei Instagram.

enjoy & judge:
Meine Tops und Flops der Woche

🔃 Update vom Geschassten: Thilo Mischke hat der “Zeit” das erste Interview nach dem Shitstorm gegeben. Zur Erinnerung: Den Job als “ttt”-Moderator verlor er, als Kritik an seinem literarischen Frühwerk laut wurde (erstes Buch: “In 80 Frauen um die Welt”). Anna Mayr gibt als Interviewerin wirklich alles, aber so richtig kommt Mischke mit seinen Erklärungen nicht in die Puschen: Früher hat man halt so geschrieben, er wäre gern am Diskurs um seine Person beteiligt worden (brauchte aber acht Wochen, um sich zu sortieren), und überhaupt hat in erster Linie die ARD versagt. Hört sich für mich nach der perfekten Vorbereitung auf ein War was?-Comeback à la Fynn Kliemann an.

👗Die harte Realität einer Fashion-Karriere: Kreativstrategin und Mode-Influencerin Brenda Weischer aka. @brendahashtag gibt in diesem Substack-Post Einblick in die perfiden Mechanismen der Modewelt. Wann wird man überhaupt zu Modenschauen in Paris eingeladen? Warum entscheidet ein Frontrow-Platz immer noch über Karrieren? Und warum kann man von dieser Branche nicht lassen, auch wenn man manchmal an der Hierarchie der Modewelt verzweifelt?
Weiterführender Lesetipp: Mein Interview mit Modeprofi Florian Müller über die mentale Gesundheit in der Fashionszene.

🖤 Millennial-Ikone Michelle Trachtenberg ist mit nur 39 Jahren gestorben: Was für eine traurige Nachricht für alle, die mit “Buffy” und “Gossip Girl” aufgewachsen sind. Meinen Nachruf im “Stern” lest Ihr hier.

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Hach, der schönste Tag im Leben: Auf eine Hochzeit freut man sich monatelang – nur die Planung bis dahin kann herausfordernd sein. Vor allem, wenn man die Dinge ein bisschen anders machen will – zum Beispiel, weil man Nachhaltigkeit wichtig findet, und keine Lust auf eine Hochzeit mit lauter Wegwerfkrempel hat.
Nur: Wie organisiert man sinnvoll eine Green Wedding? Darüber spreche ich mit Günther Saiger in der neuen Podcastfolge von “Nachhaltig Nachgefragt”, dem Podcast der BIO HOTELS. Er betreibt das HofGut Scheunenwirtin auf der schwäbischen Alb und organisiert jedes Jahr viele Green Weddings. Der perfekte Ansprechpartner also für alle Fragen rund ums (nachhaltigere) Heiraten!

Ich hoffe, Dir hat diese Ausgabe von Sunday Delight Spaß gemacht. Wenn Dir der Newsletter gefällt, kannst Du meine Arbeit unterstützen, indem Du den Newsletter weiterempfiehlst (dafür z.B. einfach diese Mail weiterleiten).
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